Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)

Schilddrüsenunterfunktion

1. Überblick Schilddrüsenunterfunktion

Bei einer Schilddrüsenunterfunktion erzeugt die Schilddrüse eine zu geringe Menge an Schilddrüsenhormonen. Davon betroffen ist circa ein Prozent der Bevölkerung, womit die Unterfunktion der Schilddrüse zu den häufigsten hormonellen Erkrankungen gehört. Während bei lediglich einem von 5000 Menschen die Erkrankung angeboren ist, nimmt die Häufigkeit mit ansteigendem Lebensalter zu. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Der medizinische Fachausdruck für eine Schilddrüsenunterfunktion ist Hypothyreose.

Die überwiegende Anzahl der Erkrankungen ist auf eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse zurückzuführen. Die Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion sind vielfältig: Müdigkeit, Veränderungen an Haaren und Haut sowie verminderte Leistungsfähigkeit stehen im Vordergrund.

Eine Schilddrüsenunterfunktion kann sich im Laufe des Lebens entwickeln oder angeboren, schwach oder stark ausgeprägt sein. Bleibt eine angeborene Schilddrüsenunterfunktion unbehandelt, behindert sie die körperliche und geistige Entwicklung des betroffenen Kindes. Aufgrund eines gesetzlich vorgeschriebenen Screenings aller Neugeborenen und der im Falle einer Diagnose sofort einsetzenden Behandlung, kommen diese Folgen in Deutschland und anderen Ländern mit guter medizinischer Versorgung heute nur noch außerordentlich selten vor.

Die Schilddrüse befindet sich an der Halsvorderseite, etwas unterhalb des Kehlkopfes. Sie besteht aus einem linken und einem rechten Seitenlappen, die über einen kleinen Steg miteinander verbunden sind. Damit sieht sie aus wie ein Schmetterling, der sich jeweils links und rechts an die Luftröhre anschmiegt. Ihr Gewicht beträgt beim gesunden Erwachsenen durchschnittlich 20 und 30 Gramm. Im menschlichen Organismus erfüllt die Schilddrüse zahlreiche wichtige Funktionen. Dabei sind die Produktion und Ausschüttung der bekannten Hormone Trijodthyronin (kurz T3) und Tetrajodthyronin (kurz T4) in den Blutkreislauf die bedeutsamsten. Ein elementarer Bestanteil beider Hormone ist Jod.

Zur Diagnose einer Schilddrüsenunterfunktion erkundigt sich der Arzt zunächst nach den Beschwerden und stellt Fragen zur medizinischen Vorgeschichte. Anschließend führt er eine körperliche Untersuchung durch, indem er die Schilddrüse beispielsweise abtastet. Zusätzlich wird die Schilddrüsenhormon-Konzentration im Blut bestimmt und die Schilddrüse mittels Szintigrafie untersucht.

Die Therapie einer Schilddrüsenunterfunktion erfolgt durch Medikamente. Dabei handelt es sich um synthetisch hergestellte, den körpereigenen Schilddrüsenhormonen ähnliche Präparate (Levothyroxin, L-Thyroxin), die den Mangel vollständig ausgleichen. Sofern Betroffene die vom Arzt verordneten Medikamente korrekt einnehmen, bleiben sie ebenso fit und leistungsfähig, wie Menschen mit einer gesunden Schilddrüse. Auch ihre Lebenserwartung ist dann durch die Schilddrüsenunterfunktion nicht beeinträchtigt.

2. Schilddrüsenunterfunktion Ursachen

Die Hormone T3 und T4 sind eng mit der Wirkungsweise anderer Hormone verflochten. Sie beeinflussen den Sauerstoffverbrauch der Zellen ebenso, wie die Verstoffwechselung der über die Nahrung aufgenommenen Kohlehydrate, Eiweiße und Fette. Somit nehmen T3 und T4 bedeutenden Einfluss auf den gesamten menschlichen Energiestoffwechsel, die Funktion des Magen-Darm-Traktes und des Herz-Kreislaufsystems. Sie sind an wichtigen Differenzierungs- und Wachstumsvorgängen bei Ungeborenen und an der geistigen Entwicklung heranwachsender Kinder beteiligt.

Die Schilddrüse ist Teil eines komplexen hormonellen Regelkreises, zu dem unter anderem zwei wichtige Bereiche im Gehirn gehören. Es handelt sich dabei um die Hirnanhangdrüse (med. Hypophyse) und einen Teil des Zwischenhirns (med. Hypothalamus). Diese „übergeordneten“ Stellen im Gehirn regeln in Rückkopplung mit der Schilddrüse, wann und in welcher Menge der Organismus Hormone zur Verfügung gestellt bekommt. Sobald es zu einem Mangel an Schilddrüsenhormonen im Körper kommt, sinken auch T3- und T4-Spiegel im Blut. Dieses Absinken registriert das Gehirn, welches seinerseits die Produktion wieder anregt. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion produziert die Schilddrüse trotz „Alarm aus dem Gehirn“ zu wenig Schilddrüsenhormone. Dieser Mangel beeinflusst zahlreiche Körperfunktionen negativ. Der Stoffwechsel verlangsamt sich, was teilweise einen dramatischen Leistungsabfall und Müdigkeit zur Folge hat. Unbehandelte Neugeborene würden infolge einer unbehandelten Schilddrüsenunterfunktion an erheblichen Gedeih- und Entwicklungsstörungen leiden.

Die Medizin unterscheidet bei der Schilddrüsenunterfunktion drei grundsätzliche Arten: die primäre, die sekundäre und die tertiäre Unterfunktion. Während bei der primären Schilddrüsenunterfunktion die Funktion der Schilddrüse an sich eingeschränkt ist, besteht bei der bedeutend seltener auftretenden sekundären Unterfunktion eine Störung der Hirnanhangsdrüse. Die tertiäre Unterfunktion der Schilddrüse kommt vergleichsweise noch seltener vor. Dieser Erkrankung liegt eine Störung des Hypothalamus zugrunde, weshalb die eigentlich von der Schilddrüse ausreichend produzierten Schilddrüsenhormone im Körper nicht ordnungsgemäß wirken können.

Ursachen einer primären Schilddrüsenunterfunktion

Die primäre Unterfunktion kann angeboren sein oder sich im Laufe des Lebens „schleichend“ entwickeln. Laut Statistik kommt von 4000 bis 5000 Neugeborenen ein Kind mit einer angeborenen Schilddrüsenunterfunktion zur Welt. Entweder fehlt die Schilddrüse komplett, ist viel zu klein oder sie arbeitet derart fehlerhaft, dass sie das aufgenommene Jod nicht ordnungsgemäß verwerten kann. Wesentlich häufiger entwickelt sich eine primäre Schilddrüsenunterfunktion jedoch erst im Laufe des Lebens. Ursprünglich funktionsfähiges Schilddrüsengewebe wird zerstört oder geht verloren.

Typische Gründe:

  • Schilddrüsenentzündung (med. Thyreoiditis): Es handelt sich dabei zumeist um die Folge einer Autoimmunerkrankung, bei welcher der Organismus Abwehrstoffe gegen gesundes Schilddrüsengewebe richtet und es nach und nach zerstört.
  • Folge einer Operation der Schilddrüse, beispielsweise aufgrund einer Schilddrüsenüberfunktion.
  • Zerstörung der Schilddrüse durch lang andauernde Einnahme bestimmter Medikamente, infolge einer Bestrahlung oder durch Radiojodtherapie.
  • In manchen Fällen kann eine Schilddrüsenunterfunktion auch durch extremen Jodmangel entstehen. Gerade in Deutschland sind einige Gegenden regelrechte Jodmangelgebiete.

Ursachen einer sekundären oder tertiären Schilddrüsenunterfunktion

Die Schilddrüse selbst ist vollkommen intakt, während Erkrankungen der Hirnanhangsdrüse oder des Hypothalamus die Produktion und/oder Ausschüttung der Schilddrüsenhormone stören. Ursache hierfür sind zumeist Tumore oder Entzündungen, die den Regelkreis zwischen Schilddrüse und Gehirn regelrecht blockieren. Dementsprechend wird die Schilddrüse entweder nur noch unzureichend oder gar nicht mehr dazu angeregt, T3 und T4 zu produzieren.

3. Schilddrüsenunterfunktion Symptome

Die Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion sind oft nicht eindeutig. Außerdem können sie sich von Mensch zu Mensch teilweise beträchtlich unterscheiden.

Als erste Warnzeichen gelten bei Neugeborenen ein verspäteter Geburtstermin, ein Geburtsgewicht weit über der Norm, langsamer Puls, Trinkfaulheit und permanente Verstopfung. Von Schilddrüsenunterfunktion betroffene Säuglinge und Kinder bewegen sich vergleichsweise wenig, haben eine sehr trockene Haut und einen schlaffen Muskeltonus. Sowohl die körperliche als auch die geistige Entwicklung verläuft verzögert. Zur Vermeidung dieser Fehlfunktionen gibt es in Deutschland eine Pflichtuntersuchung, die jedes neugeborene Kind an seinem fünften Lebenstag erfährt. Dabei wird dem Säugling ein wenig Blut entnommen und auf eine Schilddrüsenunterfunktion hin untersucht.

Bei Erwachsenen entwickelt sich die Unterfunktion der Schilddrüse zumeist schleichend und weniger auffällig. Erst wenn die Unterversorgung mit T3 und T4 echte biologische Wirkungen an verschiedenen Organen auslöst, kommt es zu spürbaren Beschwerden, wie:

  • körperlicher und geistiger Leistungsabfall: Von Schilddrüsenunterfunktion Betroffene fallen zunehmend häufiger durch langsame Bewegungen, Antriebslosigkeit, Desinteresse und schwerfälliges Denken auf.
  • gesteigertes Kälteempfinden: Die Haut fühlt sich kühl an, schuppt und sieht blass aus. Betroffene frieren selbst bei solchen Umgebungstemperaturen, die die meisten gesunden Menschen als angenehm warm empfinden.
  • Das Haar wird trocken, wirkt stumpf und bricht schnell.
  • Bei vielen von Schilddrüsenunterfunktion betroffenen Personen ist die Herzfrequenz erschreckend niedrig. Zeitweilig kann es jedoch auch zu einer plötzlichen Herzaktivitätssteigerung mit Herzrasen oder Rhythmusstörungen kommen.
  • Die Stimme kann heißer und rau werden.
  • Manche Betroffene leiden unter permanent hartnäckiger Verstopfung.
  • Heranwachsende Mädchen und Frauen mit Schilddrüsenunterfunktion beobachten oft Zyklusstörungen. In Extremfällen bleibt die Menstruation ganz aus.
  • Infolge der Antriebsarmut und Verlangsamung entwickeln manche Menschen psychische Störungen, wie beispielsweise Depressionen.
  • Einige Patienten nehmen aufgrund des gestörten Eiweiß-Stoffwechsels und daraus resultierenden Wassereinlagerungen an Gewicht zu.

Achtung! Vor allem bei älteren Personen sind nicht alle Symptome gleichzeitig offenkundig, weshalb bezüglich eventueller Beschwerden niemand sogleich an eine Schilddrüsenunterfunktion denkt. So wird die Erkrankung häufig schlichtweg übersehen.

4. Schilddrüsenunterfunktion Diagnose

Mediziner bedienen sich verschiedener Methoden, um eine Schilddrüsenunterfunktion festzustellen. Als Erstes erfolgt grundsätzlich die Untersuchung des Allgemeinzustandes. Danach wird der Arzt gezielte Fragen zur Krankheitsgeschichte stellen und den Hals abtasten. Sofern er den Verdacht auf eine Unterfunktion der Schilddrüse hegt, wird er folgende Untersuchungen veranlassen:

Blutuntersuchung

Sofern eine primäre Schilddrüsenunterfunktion vorliegt, sind die Konzentrationen der Schilddrüsenhormone im Blut reduziert, während andere Hormonwerte erhöht sind. Auch sekundäre und tertiäre Formen der Unterfunktion sind anhand bestimmter Hormonkonstellationen eindeutig bestimmbar.

Antikörpernachweis

Ist die Schilddrüsenunterfunktion die Folge einer Schilddrüsen-Autoimmunerkrankung, gibt in 95 Prozent aller Fälle ein spezieller Antikörpertest Sicherheit. Dieser erfolgt mittels Ultraschalluntersuchung und gegebenenfalls anhand einer durch Punktion gewonnenen Gewebeprobe.

Szintigrafie

Diese Untersuchungsmethode bedient sich der Gesetzmäßigkeit, dass die Schilddrüse in der Lage ist, Jod zu speichern, um es bei Bedarf in die Schilddrüsenhormone einzubauen. Der Patient bekommt einige Minuten vor der röntgenähnlichen Untersuchung eine radioaktive Substanz mit angekoppeltem Jod gespritzt. Der untersuchende Arzt kann nun anhand des Untersuchungsbildes erkennen, wo und in welchem Maß die Schilddrüse das radioaktiv markierte Jod gespeichert hat. Fehlt die Speicherung oder ist sie vermindert, deutet alles auf eine Unterfunktion der Schilddrüse hin.

5. Schilddrüsenunterfunktion Therapie

Die Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion erfolgt immer durch die Verabreichung von sogenannten Schilddrüsenhormon-Tabletten. Mithilfe dieser Medikamente wird dem Körper die notwendige Menge an Schilddrüsenhormonen von außen zugeführt. Dabei handelt es sich allgemein um synthetisch produziertes L-Thytoxin, oft auch Levothyrixin genannt, welches dem körpereigenen Hormon L4 annähernd entspricht. Manche Personen benötigen zusätzlich auch L3, welches ebenfalls als Hormonersatzpräparat in Tablettenform verfügbar ist. Entsprechende Medikamente gibt es sowohl als frei dosierbare Einzel- als auch als Kombinationspräparate. Die Dosierung der Medikamente ist individuell sehr verschieden. Für Betroffene ist es wichtig, die verordnete Hormonersatztherapie zeitlebens, nach genauer ärztlicher Anweisung durchzuführen.

Hinzu kommen ärztliche Kontrolluntersuchungen in regelmäßig definierten Abständen. Der Grund: Der Mediziner ermittelt die richtige Dosis anhand verschiedener Hormon-Werte, die er während der Kontrolluntersuchungen immer wieder überprüft. Damit es zu Beginn der Therapie nicht zu unerwünschten Überdosierungen und damit zu einer eventuellen Schilddrüsenüberfunktion kommt, startet der Therapeut zumeist mit einer niedrigen Dosierung, die er im Laufe der Zeit sanft steigert.

Um die Aufnahme der von außen zugeführten Hormone im Darm nicht zu behindern, erfolgt die Einnahme der Tabletten immer morgens, etwa eine halbe Stunde vor dem Frühstück. Bei konsequenter Befolgung der ärztlichen Anweisungen hat die Therapie mit Schilddrüsenhormonen keine Nebenwirkungen, weil lediglich die fehlende Menge körpereigener Hormone ersetzt wird. Eine versehentlich zu hohe Dosierung führt dagegen zu den typischen Beschwerden einer Schilddrüsenüberfunktion.

Die Therapie gilt als erfolgreich, wenn der einer Schilddrüsenunterfunktion betroffene Patient keine Beschwerden mehr spürt und die Hormonwerte des Blutes der Norm entsprechen.

Kinder mit angeborener Schilddrüsenunterfunktion bedürfen besonderer Betreuung und Kontrolle. Aufgrund ihres Wachstums kann sich der Hormonbedarf immer wieder ändern. Um Entwicklungsstörungen zu vermeiden, ist hier eine bedarfsgerechte Anpassung der Dosierung außerordentlich wichtig.

6. Schilddrüsenunterfunktion Vorbeugung

Einer Schilddrüsenunterfunktion lässt zumeist leider nicht vorbeugen. Um einen Rückfall zu verhindern ist eine lebenslange Hormonbehandlung notwendig.

Einzig extremer Jodmangel kann durch die regelmäßige Verwendung von jodiertem Speisesalz, dem häufigen Verzehr von Seefisch und/oder der Einnahme von Jodpräparaten vermieden werden. Das gilt vor allem während der Schwangerschaft und Stillzeit. Die Schilddrüsenhormone der Mutter und damit auch ihr Jod sind für die Entwicklung des Babys von entscheidender Bedeutung. Das gilt sowohl für die Ausbildung des embryonalen Nervensystems als auch für die Gehirnentwicklung des Säuglings. Weil während der Schwangerschaft und später auch beim Stillen zwei Schilddrüsen mit Jod versorgt werden müssen, ist der Jodbedarf von schwangeren und stillenden Frauen erhöht. In Absprache mit dem behandelnden Frauenarzt empfiehlt es sich deshalb für Schwangere und Stillende, neben jodreicher Nahrung auch Jodid-Tabletten einzunehmen.

Für alle Personengruppen gilt: Um den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln und um ein eventuelles Defizit durch die Einnahme von Jodpräparaten zu decken, ist immer die Rücksprache mit einem Arzt notwendig.

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