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Phytotherapie

  • Geschichte der Phytopharmazie
  • Herstellung und Wirkung pflanzlicher Arnzeimittel
  • Möglichkeiten & Grenzen der modernen Phytotherapie

Phytotherapie

Was ist Phytotherapie?

Pflanzenheilkunde – Die Quelle aller Medizin

Für den mittelalterlichen Gelehrten Theophrastus Bombastus von Hohenheim, bekannt als Paracelsus, waren “alle Wiesen und Matten, alle Berge und Hügel Apotheken”. Von ihm stammt das Wort, das „gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen“ sei. So war das im Mittelalter, und Jahrtausende davor: Die uralte Naturheilkunde, insbesondere die Pflanzenheilkunde, war die einzige Medizin, welche die Menschen kannten. Heilen mit Pflanzen – nichts anderes bedeutet im Kern „Phytotherapie“.
Phyto (griechisch phytón) ist die Pflanze, die Therapie (griechisch therapeía, eigentlich Dienen, Dienst) die Heilbehandlung. Die Arzneimittel der Phytotherapie heißen Phytopharmaka. Ein Pharmakon (griechisch phármakon) ist ein Arznei- oder Heilmittel.

Warum heute Phytotherapie?

Heilpflanzen und ihre Zubereitungen enthalten ein komplexes Gemisch von Wirkstoffen, die an unterschiedlichen Stellen ansetzen. Wegen der grundsätzlichen Ähnlichkeit vieler (Über-)Lebens- und Stoffwechselprozesse bei Pflanzen und Menschen sind die Pflanzenstoffe auch für uns oft nützlich und gut verträglich. Mit dem Siegeszug naturwissenschaftlicher orientierter Medizin wurde die unspezifische Wirkung der Pflanzenpräparate aber zunehmend als Schwäche gesehen. Moderne schulmedizinische Wirkstoffe greifen spezifischer an einer Stelle an, zum Beispiel an einem Rezeptor; ihre Wirkung ist oft beeindruckend. Aber auch ihre Nebenwirkungen.

Diese Sicht hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Aus heutigem Wissen liegt eine Stärke der Phytopharmaka gerade in ihrer sanften, aber breiten Wirkung. Vorteile von Pyhtopharmaka gegenüber chemisch-synthetischen Arzneimitteln sind im Allgemeinen:

  • eine höhere Anwendungssicherheit (höhere therapeutische Breite)
  • weniger Nebenwirkungen
  • seltenere Wechselwirkungen
  • eine höhere Therapietreue des Patienten („Compliance“, „Adhärenz“: das Arzneimittel wird wie vorgeschrieben angewendet)
  • eine höhere Selbstbestimmung des Patienten (Autonomie) bei Anwendung in Selbstmedikation oder auf Empfehlung.

Phytotherapie wird heute in Deutschland von Patienten und Ärzten sehr geschätzt. Das zeigen Umfragen des Allensbach-Institutes: 70% der Patienten möchten Phytopharmaka von ihrem Arzt verordnet bekommen. 60% der Allgemeinärzte folgen dem, setzen Naturheilverfahren ein, darunter Phytotherapie.

Dies, obwohl das grüne Flair gelitten hat. Moderne Phytotherapie ist keine Alternativmedizin mehr. Als gesetzlich anerkannte „besondere Therapierichtung“ ist sie Bestandteil der wissenschaftlich orientierten Schulmedizin (s. 4.). Dafür sind aber auch Auswüchse mittelalterlicher Kräuterbücher gebannt. Denn dass gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen sei, ist ein schöner Mythos.

Phytopharmaka: Eine endlose Geschichte

Der Gebrauch von Heilpflanzen lässt sich bis in die Altsteinzeit (Paläolithikum) verfolgen. Schon vor 60.000 Jahren, das belegen Funde, haben unsere Altvorderen Eibisch, Schafgarbe und Wegerich eingesetzt. Heilpflanzen kannten alle Hochkulturen der Frühzeit, so Ägypten, China und Indien.

Phytotherapie in Frühen Kulturen und der Antike

Der ägyptische Priester, Arzt und Baumeister Imhotep verordnete 2600 v. Chr. beim Pyramidenbau den Arbeitern Knoblauch, Zwiebeln und Rettich zum Schutz vor Infektionskrankheiten (eine aus heutiger Sicht rationale Maßnahme!).
Der Papyrus Ebers (etwa 1600 v. Chr.), ist eine 20 m lange Schriftrolle, die 877 Heilpflanzenrezepturen aufführt, darunter Wacholder, Myrrhe, Thymian, Anis, Kümmel, Leinsamen, Hanf, Mönchspfeffer und Schlafmohn.

Die Medizin der alten Kulturen nahm die Antike auf. Die Griechen verehrten Imhotep als Asklepios, die  Römer später als Äskulap. Im 5. Jh. v. Chr. gab der berühmte griechische Arzt Hippokrates in seinem Corpus hippocraticum genaue Anleitungen für die Verwendung von Heilpflanzen, u.a. Zwiebel, Eiche, Bilsenkraut und Nieswurz. Theophrastus (380-286 v. Chr.) ein Schüler des Aristoteles, beschrieb in seiner „Geschichte der Pflanzen“  455 Heilpflanzen und ihre Wirkungen.

Im alten Rom hatte die Pflanzenheilkunde keine eigene Tradition. Das änderte sich erst mit griechisch inspirierten Ärzten wie Dioskurides, der eine fünfbändige Arzneimittellehre mit 800 pflanzlichen, tierische und mineralischen Arzneimittel verfasste. Sie wirkte bis ins 16. Jahrhundert hinein. Neu war eine Systematik, der die qualitative Verwandtschaft und medizinische Wirksamkeit der einzelnen Arzneien zugrunde lag.
Galen (129-200) verband erstmals die Pflanze und ihre pharmakologische Wirkung. Er ordnete den Pflanzen nicht nur Qualitäten zu wie Geschmack (bitter, salzig, süß, sauer) und spezifische Wirkung (wie abführend oder brecherregend), sondern auch Wirkstärken (unmerkliche, offenkundige, heftige und vollständige Wirkungen).

Phytotherapie im Mittelalter

Mit dem Untergang des Weströmischen Reiches ging der Großteil des medizinischen Wissens
des Altertums wieder einmal verloren. Es brach das „finstere Mittelalter“ an. Krankheit wurde als Strafe Gottes angesehen, oder als angehext. Handauflegen und Gebete, Schröpfen, Klistiere und Aderlass traten an die Stelle der antiken Medizin. Die „Kräuterhexen“ standen schnell im Rufe, mit dem Leibhaftigen im Bunde zu stehen – die Heilpflanzenkunde wurde lebensgefährlich.
Auf dem Umweg über angelsächsische Missionare fanden die von Hippokrates und Galen verfassten Werke nach Deutschland. Allein den Klöstern gelang es, Überlieferungen der Antike zu horten, und mit Erfahrungen der Volksmedizin zu verbinden. Das Wissen der Mönche nutzte Karl der Große (747-814), indem er die Bauern anwies, Klostergärten mit Heil- und Gemüsepflanzen anzulegen.
Klostermedizin und traditionelle Volksheilkunde verbanden auch die Rezepturen der berühmten . Der  Äbtissin Hildegard von Bingen. In ihrer Physica beschreibt sie 230 Pflanzen sowie 63 Bäume. Sie erlangte einen Ruf als Wunderheilerin, der bis heute forthallt. Ihre Medizin hat immer noch AnhängerInnen.

An der Wendepunkt vom Mittelalter zur Neuzeit steht der Arzt und Philosoph Theophrastus Bombastus von Hohenheim (Paracelsus, 1493-1541). Als Begründer der Signaturenlehre sah er in der äußeren Gestalt der Pflanzen einen Hinweis auf ihre Anwendung bei Erkrankungen.

Phytotherapie in der Neuzeit

Mit der Erfindung des Buchdruckes wurden Kräuterbücher zu den meistgelesenen Büchern nach der Bibel. Bewundernswerte Werke lieferten u.a. der Tübinger Professor Leonhard Fuchs, dessen New Kreütterbuch  von 1533 hunderte Heilkräuter in größter botanischer Genauigkeit beschrieb; außerdem J.T. Tabaernaemontanus, der 36 Jahre seines Lebens an einem Kräuterbuch arbeitete, das schließlich 3000 Pflanzen und 2255 Abbildungen umfasste.
Als ein Vater der modernen Botanik kann der Berner Arzt Otto von Brunfels gelten. Er ordnete 1532 in seinem Herbarium vivae eicones, die Pflanzen erstmalig nicht alphabetisch, sondern nach ihren Familien. Berühmtheit erlangte auch der Hortus Eystettentis des Nürnberger Apotheker Basilus Besler von 1631. Sein botanischer Atlas zeigt auf 365 Tafeln naturgetreu über 1 000 Pflanzen.

Überhaupt übernahmen im 16. und 17. Jh. die Apotheker die Federführung in der Kräuterheilkunde. Sie schrieben Arzneibücher, nach denen Heilpflanzen auf gewisse Inhaltsstoffe, auf Qualität, Verunreinigung und Verfälschungen geprüft wurden. Das war auch nötig, weil aus Amerikas und Indien immer neue Pflanzen, wie Chinarinde, Colanuss, Guajakholz und Brechwurz, nach Europa fanden.

Einer, der im 19. Jahrhundert viele Kräuter zu neuen Ehren führte, war der Pfarrer und Heilpraktiker Sebastian Kneipp (1821-1898). Auch die Schweiz hat in Johann Künzli (1857-1945) einen berühmten „Kräuterpfarrer“, mit Kundschaft bis nach Übersee.

Die naturwissenschaftliche Ära

Die Zeit der Aufklärung hatte den Naturwissenschaften den Boden bereitet. Damit trat für die Medizin eine Zeitenwende ein. Auch die Kräuterheilkunde wandelte sich in eine wissenschaftliche Disziplin. 1805 gelang dem Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner (1783-1841), die Isolierung des  “schlafmachenden Prinzips” aus Opium, dem Milchsaft des Schlafmohns. “Morphin”  wurde es genannt, und ist bis heute ein unverzichtbarer Arzneistoff. Damit war der Nachweis eines Wirkstoffes im Sinne der modernen Medizin geführt.
Den Begriff „Phytotherapie“ führte der französische Arzt Henri Leclerc (1870-1955) in die Medizin ein. Mit dem ersten Lehrbuch für Phytotherapie  legte in Deutschland im Jahr 1943 Dr. Rudolf Fritz Weiß das Fundament für die Anerkennung durch die Schulmedizin. Noch heute ist dieses, später durch Volker Fintelmann neu bearbeitete Lehrbuch der Phytotherapie ein Standardwerk der Phytotherapie.

Doch es kam anders – zunächst: Rasant entwickelte sich im 19. und 20. Jh. die Chemie – und leitete die Ära der chemisch-synthetischen Arzneimittel ein. Dies drängte die Phytotherapie ab der Mitte des 20. Jh. in den Hintergrund.
Mit einem wachsenden Bewusstsein für Umwelt, Natur und Nachhaltigkeit hat aber die Phytotherapie im 20. Jh. eine Renaissance erlebt. Sie wurde ein wichtiger Bestandteil einer zunehmend ganzheitlich denkenden Medizin. Nach einer Jahrtausende währenden, wechselvollen Geschichte steht die Pflanzenheilkunde also nicht an ihrem Ende – sie hat sich neu erfunden.

Phytopharmaka-Latein:
Die traditionelle Einteilung

Ärzte machten ihren Patienten das Verstehen noch nie leicht. Sie redeten griechisch, später lateinisch. Traditionell gaben sie den Gruppen von Heilpflanzen nach ihrem Anwendungsgebiet folgende Namen:

Bezeichnung Inhaltsstoffe und Wirkung Anwendungsgebiet Beispiele
Amara Bitterstoffe regen Magensaftbildung und Verdauung an Mangel an Appetit und Verdauung Enzian, Bitterklee, Tausendgüldenkraut Ingwer, Wermut
Adstringentia Zusammenziehende Gerbstoffe, lindern Reizung auf Haut und Schleimhäuten Wunden, Hautreizung, Ekzeme, Durchfall Eichenrinde, Frauenmantel, Heidelbeeren, Uzarawurzel
Analgetika / Antirheumatika Mittel gegen Schmerz und Fieber Schmerzen, Fieber, Entzündung Weidenrinde, Teufelskralle
Antihydrotika Schweißhemmende Mittel Übermäßiges Schwitzten Salbei-, Walnussblätter
Antiexsudativa Rutin gegen Ödeme, venöse Schwellungen Schwangerschaftsödeme, Venenbeschwerden Rosskastanie, Buchweizen, Mäusedorn
Antiphlogistika Mittel gegen Entzündung, entzündungshemmende und antibakterielle Stoffe Wunden, Infektionen, Schleimhautentzündung, Hämorrhoiden Kamille, Ringelblume, Perubalsam
Antisklerotika Wirken gegen Verhärtung und Verfettung der Gefäße Arteriosklerose, hohe Blutfette Knoblauch, Weißdorn, Zwiebel
Antitussiva Mittel gegen Hustenreiz mit Schleimstoffen Hustenreiz Malve, Eibisch, Huflattich, Isländisch Moos
Anxiolytika / Antidepressiva Mittel gegen Angst, Spannung, Depression Angst, Unruhe, depressive Stimmung Johanniskraut, Lavendel
Cholagoga Fördern die Bildung und Abgabe von Gallensäften Verdauungsbeschwerden Artischocke, Curcuma, Kardamom, Pfefferminz
Diuretika Harntreibende Mittel Harnwegserkrankungen, Blasenentzündung Brennnessel, Birke, Bärentraube, Liebstöckel
Expektorantia Auswurffördernde Mittel Verschleimung, Husten Anis, Huflattich, Eukalyptusöl, Primel, Thymian
Hypotensiva Blutdrucksenker, bessern Gefäßfunktion Leichter Bluthochdruck Knoblauch, Herzgespannkraut, Weißdorn
Hypnotika Schlaffördernde Mittel Nervöse Unruhe, Schlafstörungen Baldrian, Passionsblume
Kardiaka/
Kardiotonika
Regen Herz und Kreislauf an Herz/Kreislaufschwäche, Campher, Fingerhut, Rosmarin, Weißdorn, Herzgespannkraut
Laxantia Quellstoffe oder darmreizende Stoffe regen Darmentleerung an Verstopfung Flohsamen, Leinsamen, Sennesblätter
Sedativa Beruhigende Mittel Nervosität, Unruhe, Angst, Schlafstörung Baldrian, Hopfen, Passionsblume
Sekretolytika Schleimlösende und –verflüssigende Mittel Verschleimung, Husten (vgl. Expektorantia)
Gynäkologika Mittel bei Frauenleiden Menstruationsbeschwerden, Klimakterium Hirtentäschel, Traubensilberkerze, Mönchspfeffer
Obstipantia Zusammenziehende /giftbindende Mittel gegen Durchfall Durchfall Kaffeekohle, Eichenrinde, Odermennig
Zytostatika Mittel bei Geschwulstbildung Krebs Mistel, Immergrün

 

Pflanzenarzneien heute – welche gibt es?

Produktkategorien: Unterschiede in Qualität und Anspruch

Aus jeder Heilpflanze können Präparate mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften und unterschiedlichem Anspruch hergestellt werden. Für große Verwirrung sorgt der Umstand, dass man von ein und derselben Heilpflanze Produkte kaufen kann, die verschiedenen Kategorien angehören (s. Tabelle 1). Zugelassene Arzneimittel, traditionelle Arzneimittel, Tee, Homöopathika usw. sind gänzlich anders hergestellt und zusammengesetzt. Sie unterscheiden sich in Wirkung, Anwendungsgebiet, Zulassungsstatus und Vertriebsweg.

Für den Normalverbraucher sind diese Unterschiede schwer zu verstehen. Er liest z.B., dass Kamille gegen Magenschleimhautentzündung hilft. „Kamille“ erhält er in Apotheken, aber auch Drogerien und beim Discounter. Warum sollte er nicht einfach ein günstiges Präparat zu kaufen? Vielleicht Filterbeuteltee bei Aldi? Kamille-Filterbeutel vom Discounter sind ein Lebensmittel, enthalten mehr Stängel als (wirksame) Blüten. Arzneitee aus der Apotheke enthält Kamillenblüten, die den Anforderungen des Arzneibuchs entsprechen.

Ein anderes Beispiel für die Produktkategorien: Weißdorn (Crataegus) ist auf dem Markt als

  • Traditionelles Arzneimittel: „Traditionell angewandt zur Unterstützung der Herz-Kreislauf-Funktion“ (z.B. Kneipp® Weißdorn Dragees, Salus® Weißdorn-Kräutertropfen) . Diese Präparate werden auch beim Discounter und in Drogerien verkauft und weisen niedrigere Wirkstoffgehalte auf als zugelassene Arzneimittel aus der Apotheke;
  • Rationales Phytopharmakon: nach Arzneimittelgesetz (AMG) zugelassen mit der Indikation „Nachlassende Leistungsfähigkeit des Herzens entspr. Stadium II nach NYHA“, also bei leichter Herzschwäche /Herzinsuffizienz (z.B. Ardeycordal®, Crataegutt 600 Filmtabletten). Apothekenpflichtig.
  • Homöopathisches Arzneimittel (z.B. Homviocorin® bei „Druck- u. Beklemmungsgefühl in d. Herzgegend);
  • Arzneimittel gemäß der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis, z.B. Crataegus/Cor comp. zur Injektion bei Altersherz und funktionellen Herzbeschwerden;
  • Getrocknete Weißdornblätter mit Blüten als Bestandteil von Arzneitees;
  • Mittel alternativer und außereuropäischer Heilverfahren wie Ayurveda, chinesische Medizin, Hiledgard-von-Bingen-Medizin, Paracelsus-Medizin usw.

Tabelle 2 Arzneien aus Pflanzen – welche gibt es?

Pflanzliche Arznei Rechtlicher Status Was wird geprüft? Wirksamkeitsnachweis für bestimmtes Anwendungsgebiet?
Rationale Phytopharmaka Zulassung nach Arzneimittelgesetz (AMG §§ 21-24, §105) Qualität, Wirksamkeit, Unbedenklichkeit ja
Traditionelle Arzneimittel Registrierung nach EU-Richtlinie (EU2004/24/EG, §39a-d AMG) Qualität, Sicherheit, „plausible“ Anwendung seit 30 Jahren nein
Tees Standardzulassung Zusammensetzung nein
Homöopathische Arzneimittel Registrierung Herstellung gemäß Arzneibuch nein
  Zulassung nach AMG Herstellung gemäß Arzneibuch,  Wirksamkeit nein
Anthroposophische Arzneimittel Registrierung Herstellung gemäß Arzneibuch nein
Nahrungsergänzungsmittel Lebensmittel (EU-Richtlinie 2002/46/EG Zusammensetzung, Health Claims nein
Sonstige, zB. Ayurveda, TCM, Bachblüten nein

 

Phytopharmaka sind nicht austauschbar

Hält man sich die vielen Faktoren vor Augen, die Qualität und Wirksamkeit eines Pflanzenarzneimittels bestimmen, wird klar: Diese Präparate sind nicht austauschbar. Das gilt selbst für Produkte der gleichen Kategorie (z.B. zugelassene Arzneimittel). Daher gibt es von modernen Phytopharmaka keine wirklichen Generika, wie bei Aspirin. Ausnahme: Der Generikahersteller übernimmt vom Originalhersteller in Lizenz exakt den kompletten Herstellungsprozess.

Nicht „Kamille“ oder „Weißdorn“ wirkt bei einer bestimmten Indikation, sondern ein konkretes, genau beschriebenes Fertigarzneimittel, oder eine Zubereitung aus diesen Heilpflanzen.

  • Wer für eine bestimmte Erkrankung ein geprüftes, sicheres und wirksames Phytopharmakon sucht, sollte sich in der Apotheke oder beim kundigen Arzt beraten lassen. Auf Nummer sicher geht man mit einem geprüften, rationalen Phytopharmakon.

Rationale Phytotherapie – was ist das?

Moderne Phytotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Schulmedizin

Rationale Phytotherapie ist keine Alternativmedizin, sondern Teil der modernen naturwissenschaftlich orientierten „Schulmedizin“. Rationale Phytopharmaka durchlaufen dasselbe strenge Zulassungsverfahren wie chemische Arzneimittel. D.h., Voraussetzung der Zulassung ist der Nachweis von Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit.

Vor allem wird ein Wirksamkeitsnachweis aus klinischen Studien am Menschen in einem bestimmten Anwendungsgebiet gefordert. Der belegte Indikationsanspruch – dies unterscheidet rationale Phytopharmaka von allen anderen pflanzlichen Arzneimitteln. Zum Beispiel von  solchen, die als „Traditionelles Arzneimitteln“ gekennzeichnet sind. Von diesen „Oldtimern“ unter den Phytos wird nur gefordert, dass seit mindestens 30 Jahren medizinisch in Gebrauch sind und ihre Anwendung somit risikolos und plausibel ist. Auch homöopathische und anthroposophische Mitteln sind keine Phytopharmaka, auch wenn sie pflanzlichen Ursprungs sind.

Moderne Phytopharmaka sind standardisierte pflanzliche Arzneimittel

Auch isolierte Einzelstoffe aus Heilpflanzen wie Atropin oder Digoxin (Herzmittel) zählen nicht als Phytopharmaka. Phytopharmaka sind ausschließlich Zubereitungen aus Pflanzen oder Pflanzenteilen. Als solche enthalten sie stets ein natürliches Gemisch vieler Inhaltsstoffe. Das Vielstoffgemisch ist der Wirkstoff. Dies steht einer wissenschaftlichen Bewertung nicht im Wege. Man kann den Pflanzenextrakt nämlich durch das Herstellungsverfahren so standardisieren, dass am Ende immer der gleiche Extrakt herauskommt – der „Wirkstoff“ des rationalen Phytopharmakons. Seine Wirkungen können in klinischen Studien getestet werden.

  • Ein zugelassenes Phytopharmakon enthält immer den gleichen standardisierten Extrakt, so wie eine Tablette Aspirin immer die gleiche Menge Acetylsalicylsäure enthält.

Phytopharmaka-Herstellung: Der Prozess bestimmte das Produkt

Niemand käme auf die Idee, einen edlen Bordeaux-Wein kontrollierter Herkunft und Qualität mit einem billigen Landwein-Verschnitt zu vergleichen.  Aus der Weinpflanze werden höchst unterschiedliche Weine gewonnen – je nach Rebsorte, Anbaugebiet, Erntezeitpunkt, Jahrgang, Herstellungsart usw… Ähnlich ist es mit Heilpflanzen. Aus „Kamille“, „Baldrian“ oder „Weißdorn“ werden ganz unterschiedliche Arzneimittel hergestellt, je nach Art und Qualität der Ausgangspflanze (die Kamillenart entspricht der Rebsorte), Anbaugebiet, Erntezeitpunkt, Trocknungsmethode, Auszugsmittel, Droge-Extrakt-Verhältnis, Weiterverarbeitung usw. (siehe: Qualität 4.2.).

Ein Phytopharmakon ist so individuell wie ein Wein. Mit dem Unterschied, dass Arzneimittelhersteller anders als Winzer eine Jahr für Jahr gleich bleibende Zusammensetzung ihres Naturproduktes anstreben. Und erreichen: Geprüft wird auf Identität, Reinheit und Gehalt an Leitsubstanzen und wirksamkeitsbestimmenden Inhaltstoffe des Extraktes.
Für die Qualität und Wirkung des Arzneimittels sind außerdem die Dosierung und die Darreichungsform maßgeblich (z.B. Tropfen, Kapseln, Tabletten, Zäpfchen).

Die Qualität und Wirksamkeit eines Pflanzenarzneimittels bestimmen

  • Auswahl und Qualität der Ausgangspflanze (Droge)
  • Herstellungsweg (Extraktionsmittel, Droge-Extrakt-Verhältnis)
  • Konzentration/Gehalt an wirksamen Stoffen
  • Darreichungsform (Galenik)
  • Zulassungsstatus (Arzneimittel?)
  • Nachweis der Wirksamkeit in Studien

Wieviel Heilpflanze steckt in einem Präparat? Das Droge-Extrakt-Verhätnis

Phytopharmaka verkaufen nicht nur Apotheken, sondern auch Drogeriemärkte und Discounter. Aber, wie oben dargelegt: Kamille ist nicht gleich Kamille, Baldrian ist nicht Baldrian. Neben der Extraktmenge muss auf der Packung als wichtige Kenngröße das Droge-Extrakt-Verhältnis (DEV) angegeben sein. Dieses bestimmt die Konzentration der Wirkstoffe im Extrakt, damit die Wirksamkeit (Achtung: „Drogen“ nennen die Apotheker jede getrocknete Heilpflanze, das hat nichts mit Rauschdrogen zu tun!).

Eingesetzte Drogenmenge = Extraktmenge pro Kapsel/Tbl. x Droge-Extrakt-Verhältnis

Beispiel: Ein Drogeriepräparat enthält pro Kapsel 600 mg Baldrianextrakt (=Extraktmenge). Das DEV ist mit 3-6 : 1 angegeben. Das heißt, 1 g eingedampfter Extrakt enthält 3-6 g Droge, Mittelwert 4,5 g.  Was wirklich in der Kapsel steckt, ist:
600 mg x 4,5 = 2700 mg.

Im Vergleich dazu enthält ein Apothekenpräparat z.B. 450 mg Baldrianextrakt bei einem höheren DEV von 6,0-7,4 : 1. Mittelwert 6,7. Die pro Kapsel enthaltene Drogenmenge ist:
450 mg x 6,7 = 3015 mg.
Das Apothekenpräparat enthält also mehr Wirkstoffe des Baldrians, trotz kleinerer Kapseln, weil der Extrakt konzentrierter ist.

Extraktmenge pro Kapsel/Tbl. x Droge-Extrakt-Verhältnis (Mittelwert) = Eingesetzte Drogenmenge

Extraktmenge pro Kapsel Droge-Extrakt-Verhältnis (Mittelwert) Wahrer Gehalt (Eingesetzte Drogenmenge)
Drogeriepräparat 600 mg 4,5 : 1 2700 mg
Apothekenpräparat 450 mg 6,7 : 1 3015 mg

 

Warum wird beim DEV eine Spanne angegeben (z.B. 3 bis 6:1)? Weil der Gehalt der Heilpflanzen von Ernte zu Ernte schwankt. Er wird analytisch vor der Extraktion bestimmt, daraus wird die notwendige Menge „Droge“ berechnet, um die gewünschte Extraktkonzentration herzustellen.

Möglichkeiten der Phytotherapie – wo hilft sie?

Wirkung: mild aber breit angelegt

Dass gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen ist, stimmt leider nicht. Es gibt hervorragende pflanzliche Mittel zur Behandlung bei Erkältung – aber bei einer bakteriellen Lungenentzündung reichen sie nicht aus. Herz und Kreislauf kann man wirksam mit Phytopharmaka unterstützen – aber beim Herzinfarkt braucht man schwerere Geschütze.

Die meisten Phytopharmaka entfalten eher milde Wirkungen, die aber breit angelegt sind. Im Gegensatz zu synthetischen Arzneistoffen, die meist spezifisch und stark einzelne Ziele angreifen. Zum Beispiel entfalten ätherische Öle bei Atemwegsinfekten antibakterielle und antivirale Effekt und wirken zusätzlich sekretlösend, manche auch entkrampfend. Ein Antibiotikum wirkt nur auf ein enges Spektrum von Bakterien, aber gezielt und radikaler als z.B. Eukalyptusöl. Vorasusstezung der Anwendung von Pyhtopharmaka ist daher , wie bei jedem, Arzneimittel, eine hinreichend klare Diagnose. Die ärztliche Erfahrung zeigt aber auch, dass der mögliche Einsatzbereich von pflanzlichen Präparaten meist wesentlich umfangreicher ist, als die bei der Zulassung festgelegte Anwendung.

  • Phytoparmaka entfalten meist breit angelegte aber milde Effekte
  • Sie sind keine Arzneimittel der Akut- und Notfallmedizin.

Wann alleinige Therapie, wann nur unterstützend?

Phytopharmaka eignen sich in erster Linie zur

  • alleinigen Behandlung leichter bis mittelschwerer, auch chronischer Erkrankungen (wie Atemwegsinfekte, Prostatabeschwerden)
  • alleinigen Behandlung funktioneller Störungen – also ohne organische Veränderung, z.B. Verstopfung oder Reizdarm,
  • alleinigen Behandlung von Befindlichkeitsstörungen wie  Unruhezustände, Schlafstörungen)
  • unterstützenden Behandlung bei Therapie mit chemischen Arzneimitteln (z.B. Weißdorn bei Herzinsuffizienz)

unterstützenden Behandlung schwerer Erkrankungen (z.B. antibiotikapflichtige Infektionen, Krebsleiden)

Wann Natur? Sicht des Patienten – Sicht der Fachleute

Interessanterweise ist der typische Anwender komplementärer Heilverfahren weiblich, im mittleren Lebensalter und höher gebildet. Phytotherapie, Bewegungs- und Hydrotherapie werden in Deutschland am häufigsten eingesetzt bei Rückenschmerzen (57%), Erkältung (29%), Kopfschmerzen (19%), Überlastung (15%) und Magen-Darm-Beschwerden (12%). Gerade bei Rückenschmerzen hat die Phytotherapie aber eigentlich wenig zu bieten.

Fragt man Patienten, wie in der Allensbachstudie 2011, wobei Naturheilmittel geholfen haben, sieht die Rangfolge auch anders aus: Am erfolgreichsten sind sie bei

  • Erkältung/Grippe (ca. 60% erfolgreiche Anwendungen)
  • Schlafstörungen (ca. 30%)
  • Magen- und Verdauungsbeschwerden (ca. 30%)
  • Kopfschmerzen(ca. 30%)
  • Kreislaufstörungen (ca. 30%)
  • Erschöpfung, Nervosität (>20%).

Diese Reihenfolge kommt der Sicht der Experten schon recht nahe:

Phytotherapie: Belegte Anwendungen

Der Fortbildungsplan für Apotheker im Bereich Naturheilkunde beschreibt folgende belegte Anwendungen für Phytopharmaka:

Organe Krankheiten Heilpflanzen (Beispiele)
Atemwege – Schnupfen

– Nasen- und Nebenhöhlenentzündung (Sinusitis)

– Husten (akute Bronchitis)

– Trockener Hustenreiz

– Halsentzündung

Ätherische Öle

Schlüsselblume, Enzian,

Eisenkraut

Thymian, Efeu

Malve, Eibisch

Isländisches Moos

Haut und Schleimhäute – Ekzeme

– Neurodermitis

– Herpes simplex

– Entzündungen der Mundschleimhaut

– Wunden und Verbrennungen

Bittersüß

Ringelblume

Melisse

Salbei

Hamamelis

Verdauungsorgane – Appetitlosigkeit

– Funktionelle Verdauungsbeschwerden (Dyspepsien)

– Durchfall (Diarrhoe)

– Verstopfung (Obstipation)

– Erkrankungen der Leber und Galle

Wermut

Angelikawurzel, Kamille

Uzarawurzel

Flohsamen

Artischocke

Harnwege – Blasen- und Nierenentzündungen

– Reizblase

– Benigne Prostatahyperplasie

Bärentraubenblätter

Kürbissamen

Sägepalme

Frauenleiden – Prämenstruelles Syndrom (PMS)

– Menstruationsstörungen

– Klimakterische Beschwerden

Gänsefingerkraut

Mönchspfeffer

Traubensilberkerze

Herz, Kreislauf und Gefäß – Herz-Kreislauf-Beschwerden

– Herzschwäche (Herzinsuffizienz)

– Venenerkrankungen

– Durchblutungsstörungen

– Arteriosklerose

Campher

Weißdorn

Rosskastanie

Ginkgoblätter

Knoblauch

Psyche und Nerven – Unruhe

– Depressive Verstimmungen, Ängste

– Stress

– Schlafstörungen

– Demenz

Lavendel/öl

Johanniskraut

Hopfen

Baldrian

Ginkgo

Schmerzen – Kopfschmerz

– Rheumatische Erkrankungen

– Stumpfe Verletzungen

Minzöl

Teufelskralle

Beinwell

 

Grenzen der Phytotherapie
– wo liegen Risiken?

Nebenwirkungen: auch bei Phytopharmaka möglich

Ein berühmter Pharmakologie-Professor sagte einmal: Ein Arzneimittel, das keine Nebenwirkungen hat, steht im dringenden Verdacht, auch keine Hauptwirkung zu haben.
Von Apothekern ist oft zu hören: Die Anwendung eines Arzneimittels soll entsprechend der Gebrauchsinformation bzw. der Anweisung des Arztes erfolgen.

Diese Binsenweisheiten gelten für synthetische wie für pflanzliche Arzneimittel. „Bestimmungsgemäßen Gebrauch“ vorausgesetzt, sind bei Phytopharmaka aber normalerweise weniger Nebenwirkungen und Wechselwirkungen zu erwarten, als bei konventioneller Therapie.
Was allgemein zu beachten ist:

  • Nebenwirkungen von Phytopharmaka betreffen am ehesten Leber und Niere (die Ausscheidungsorgane);
  • bei Einnahme konzentrierter Zubereitungen können Magen-Darm-Beschwerden etwas häufiger auftreten als bei konventionellen Arzneien;
  • allergische Reaktionen (Juckreiz, Hautausschlage, Schleimhautschwellung) können auftreten, am häufigsten bei Korbblütlern. Dazu zählen neben Arnika und Kamille u.a. Schafgarbe, Mariendistel und Huflattich (allerdings ist der Allergengehalt von Kamillen- und Arnikablüten in Arzneibuchqualität gering);
  • ätherischen Ölen entfalten Reizwirkungen: Bei Säuglingen dürfen sie nicht im Bereich des Gesichts angewendet werden, es kann zu Atemkrämpfen kommen.

Überdosis? Die Leber ist das erste Opfer

2011 machte die Kapland-Pelargonie Schlagzeilen. 20 Verdachtsfälle zu Leberschädigungen bei Anwendung von Pelargonium-haltigen Arzneimitteln waren  gemeldet worden. Pflichtgemäß leitete das für die Arzneimittelzulassung und -sicherheit zuständige BfArM (Bundesministerium für Arzneimittel und Medizinprodukte) Untersuchungen ein. Die führten im Jahr 2014 zu Änderungen der Gebrauchs- und Fachinformation. Pelargonium-Extrakte müssen Warnhinweisen auf mögliche Leberschädigung tragen. Unter dieser Auflage blieben sie am Markt, denn unterm Strich bescheinigte das Amt ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis.

Ein ähnliches Schicksal ereilte das Schöllkraut (Chelidonium, traditionell äußerlich gegen Warzen eingesetzt). 2008 wurde wegen möglicher Leberschäden die Zulassung von Schöllkraut-Arzneimitteln eingeschränkt.
Der gegen Angst und Spannungszustände gut wirksame Kava-kava- Extrakt war schon 2002 wegen Verdachts auf Leberschädigung vom Markt genommen worden; in 2015 soll er unter strengen Auflagen (Verschreibungspflicht) wieder zugelassen werden.

Die Beispiel sollen zeigen: Auch natürliche Mittel sind nicht unbedingt harmlos. Wird das Entgiftungsorgan Leber „überlastet“, sendet es Warnzeichen:

  • Bei Zeichen einer Leberschädigung (z.B. Gelbfärbung der Haut oder Augen, dunkler Urin, starke Schmerzen im Oberbauch, Appetitverlust) ist die Einnahme eines Arzneimittels sofort zu beenden und ein Arzt aufzusuchen. (Das gilt für synthetische Arzneimittel ganz genauso.)

Wechselwirkungen: selten aber oho

Nimmt man mehrere Arzneimittel ein, können die sich gegenseitig in die Quere kommen. So kann ein Arzneistoff die Wirkung anderer abschwächen oder verstärken. Im ersten Fall wirkt das Arzneimittel nicht in vollem Umfang, im zweiten kann es zum Gift werden.
Wichtig sind solche Wechselwirkungen (Interaktionen) bei stark wirksamen Arzneistoffen mit geringer therapeutischer Breite, die schon bei geringer Überdosis giftig werden – also bei chemisch-synthetischen Arzneimitteln! Phytopharmaka selbst werden wegen ihrer milden Wirkung und hohen therapuetischen Breite selten gefährlich. Sie können aber die Wirkung synthetischer Arzneien beeinflussen.

Johanniskraut: Das gut verträgliche pflanzliche Antidepressivum regt in der Leber die Bildung eines Enzyms an (CYP3A4), welches andere Arzneistoffe abbauen kann. Die Folge: Gleichzeitig angewendete Arzneistoffe wie Immunsuppressiva, Gerinnungshemmer (Antikoagulanzien wie Warfarin/Marcumar), Antidepressiva und Aids-Medikamente wirken schlechter.

  • Wer Johanniskraut einnimmt, sollte den verordnenden Arzt und die Apotheke darüber aufklären. Und (ausnahmsweise, bitte!) den Beipackzettel studieren.

Grapefruit: Frucht und Saft unterdrücken lang anhaltend die Bildung des Leberenzyms CYP3A4. Mit der möglichen Folge einer verstärkten Wirkung o.g. synthetischer Arzneistoffe.

  • Arzneimittel niemals mit Grapefruitsaft einnehmen. Immer den Beipackzettel auf diese Wechselwirkung abklopfen.

Ginkgo biloba: Der durchblutungsfördernde Extrakt soll Gerinnungsstörungen verursachen, was aber nie zweifelsfrei bewiesen wurde. Vorsichtshalber

  • sollte Ginkgo-Extrakt vor Operationen abgesetzt und nicht zusammen mit Gerinnungshemmern (dazu zählt auch Aspirin!) eingenommen werden.

 

Grenzen beachten

Unterm Strich gelten Phytopharmaka zurecht als besonders nebenwirkungsarm. Gerade deswegen wohnt ihnen eine seltsame Gefahr inne: Ihre Anwendung kann übertrieben, die Wirksamkeit überschätzt bzw. die Schwere der Krankheit unterschätzt werden. Phytopharmaka werden manchmal versuchsweise und dann zu lange eingesetzt. Ein Diabetiker sollte seinen Blutzucker nicht allein mit Zimt kontrollieren wollen; ein Herzpatient ist schlecht beraten, sich im fortgeschrittenen Stadium allein auf Weißdorn zu verlassen.

Bestärkt werden bedenkliche Anwendungen von laienhaften oder alten Kräuterbüchern, die aus heutiger Sicht unverantwortliche Anwendungsempfehlungen geben. („Krauterwickel gegen Krebs“) Das schadet dem Patienten und dem Image seriöser Phytotherapie.

  • Bei anhaltenden Beschwerden oder Verschlechterung einer Krankheit: Lieber fachliche Beratung durch Arzt oder Apotheke in Anspruch nehmen.

Moderne Pflanzenextrakte

In seinen vielen Dosen im Lager verwahrt der Apotheker massenhaft Drogen. Trotzdem ist er kein Dealer. „Drogen“  nennt der Pharmazeut alle getrockneten pflanzlichen (oder tierischen) Ausgangsmaterialien für die Arzneizubereitung. Also v.a. Blätter, Blüten, Kraut und Wurzeln von Heilpflanzen. Arzneimittel werden aber auch aus der frischen Pflanze hergestellt.

Arzneien aus Frischpflanzen

Presssaft: durch Auspressen frisch geernteter Pflanzen(teile). Er enthält wasserlösliche und bis zu 30% wasserunlösliche Bestandteile. Aus pharmazeutischer Sicht eine sehr gute, unterschätzte Arzneiform. Beispiel: Artischocken-, Spitzwegerich, Sonnenhut-Presssaft

Destillat: durch Wasserdampfdestillation der Frischpflanze werden flüchtige Inhaltsstoffe wie ätherische Öle gewonnen.

Ölige und fettige Auszüge: Durch Mischen frisch zerkleinerter Pflanzenteile mit Pflanzenöl bei Raumtemperatur werden schonend die fettlöslichen Bestandteile entzogen. Erfunden von Pfarrer Kneipp. Beispiel: Arnika-, Johanniskraut-, Ringelblumenöl

Arzneien aus Drogen

Tee: Er enthält, fein geschnitten, Blüten, Blätter oder Kraut. Harte Bestandteile wie Holz, Rinde und Wurzel werden oft pulverisiert eingesetzt. Zum Herstellen folgender Teezubereitungen:

  • Aufguss (Infus): Das, was der Normalbürger unter frischem Tee versteht. Hergestellt durch Übergießen der Droge mit kochendem Wasser, ziehen lassen und anschließend abseihen. Geeignet für zerkleinerte Blätter und Kräuter mit empfindlichen Inhaltssoffen. Beispiel: Kamillen-, Brennessel-, Pfefferminz-, Schafgarbentee
  • Abkochung (Dekokt). Ein „verschärftes“ Infus: Die Droge wird aufgekocht und eine Weile geköchelt. Geeignet für Hartdrogen wie Rinde und Wurzel und bei schwer löslichen Inhaltsstoffen.
  • Kaltansatz (Mazerat): Simpler geht’s nicht: hergestellt durch Stehenlassen der Droge in kaltem Wasser. Geeignet, wenn heißes Wasser die Droge verkleistern würde, z.B. bei Schleimdrogen gegen Hustenreiz wie Malve und Eibisch.

Instant-Tee: Sehr beliebt, weil fix bereitet: Er enthält wasserlösliches Teepulver, hergestellt durch Sprühtrocknung. Extraktlösungen werden im Sprühturm durch eine Düse versprüht; die entstehenden feinen Tröpfchen sinken im warmen Luftstrom nach unten, trocknen dabei  und bilden kleine Extrakt-Hohlkügelchen. Bei der Trocknung verlorengegangene ätherische Öle
werden später in mikroverkapselter Form wieder zugesetzt. Gut verschließen! Instant-Tees sind wasseranziehend (hygroskopisch).

Granulat-Tee: Er enthält bis zu 95% Zucker – pharmazeutisch nicht die erste Wahl. 50% Extraktgehalt sollten es schon sein. Flüssige Extraktlösungen werden beim Granulations- oder Agglomerationsverfahren auf Trägermaterial (z.B. Kohlenhydrate) aufgesprüht, in der Wärme getrocknet und zu Granulaten zerkleinert.

Filterbeutel-Tee: So schnell wie Instanttee bereitet, preiswerter und gehaltvoll – sofern die abgepackten Drogen Arzneibuchqualität haben. Filterbeutel mit Kamille aus der Apotheke enthalten Blüten, der Billigkonkurrent vom Discounter bis zu 90% unwirksame Stängel.

Extrakt: Drogenauszug nach Arzneibüchern, meist mit Alkohol/Wasser-Mischungen als Auszugsmittel (Extraktionsmittel). Gibt es flüssig, zähflüssig und getrocknet. Trockenextrakt wird in Tabletten und Kapseln verarbeitet, die Flüssigextrakte in Säfte und Sirupe gemischt, oder in Wasser verdünnt eingenommen.

  • Tinktur: ein Flüssigextrakt, hergestellt aus 1 Teil Droge und 5-10 Teilen Auszugsmittel. Was dann als Droge-Extrakt-Verhältnis 1:5 bis 1:10 angegeben wird.
  • Fluidextrakt: ein Flüssigextrakt aus 1 Teil Droge und 1 Teil Auszugsmittel
  • Dickextrakt (Spissum-Extrakt): zähflüssig, entsteht beim teilweisen Verdampfen des Auszugsmittels
  • Trockenextrakt (Siccum-Extrakt): Pulver, entsteht beim vollständigen Verdampfen des Extraktionsmittels.

Spezialextrakt: Eine herstellerspezifische Sonderform von Extrakten, die nicht den Arzneibuchextrakten (s.o.) entspricht. Die wirksamkeits-bestimmenden Inhaltsstoffe werden durch zusätzliche Aufarbeitungsschritte angereichert, unwichtige oder störende Stoffe entfernt. Zusammensetzung und Menge der Inhaltsstoffe sind im Spezialextrakt standardisiert, also gleichbleibend. Spezialextrakte werden häufig in Studien geprüft und sind charakteristisch für rationale Phytopharmaka. Bsp. Ginkgo Spezialextrakt EGb 761

 

Phytopharmaka: Verordnungsfähigkeit

Risikoarme Medikamente: Der Patient zahlt selbst…

Seit  Inkrafttreten des  Gesundheitsmodernisierungsgesetzes (GMG) im Jahr 2004 darf der Arzt rezeptfreie Medikamente nur noch in Ausnahmefällen zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verordnen. Dass sie gut verträglich, nebenwirkungsarm, bewährt und auch noch relativ preiswert sind, spielt dafür keine Rolle. Der Grund für die fehlende Erstattungsfähigkeit ist kurios: Sie sind risikoarm. In Deutschland bemisst sich die Verschreibungspflicht ausschließlich an dem Risiko, das mit der Anwendung eines Medikaments verbunden ist. Sie hat nichts mit der Qualität oder Wirksamkeit eines Präparates zu tun. In anderen europäischen Ländern ist das Kriterium für die Rezeptpflicht die Schwere der Krankheit.

Ausnahme 1: Kinder und Jugendliche

Immerhin zeigt der Gesetzgeber ein Herz für Kinder: GKV-versicherte Kinder bis zum vollendeten 12. Lebensjahr sowie versicherte Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr, die eine Entwicklungsstörung haben, dürfen Phytopharmaka (und andere rezeptfreie Medikamente) auf Kassenrezept erhalten.

Ausnahme 2: Standardtherapeutika

Die Verordnung nicht verschreibungspflichtiger Arzneimittel auf GKV-Rezept ist (nach § 34 Abs. 1 Satz 2 SGB V) ausnahmsweise zulässig, wenn die Arzneimittel bei der Behandlung schwerwiegender Erkrankungen als Therapiestandard gelten. Schwerwiegende  Erkrankungen  und  pflanzliche Standardtherapeutika zu deren Behandlung sind:

  • Flohsamen nur zur unterstützenden Quellmittel-Behandlung bei Morbus Crohn, Kurzdarmsyndrom und HIV-assoziierten Diarrhoen,
  • Ginkgo-biloba-Blätter-Extrakt (Aceton-Wasser-Auszug,  standardisiert, 240 mg Tagesdosis) nur zur Behandlung der Demenz,
  • Hypericum perforatum-Extrakt (hydroalkoholischer Extrakt, mind. 300 mg pro Applikationsform) nur zur Behandlung mittelschwerer depressiver Episoden,
  • Mistel-Präparate, parental, auf Mistellektin standardisiert, nur in der palliativen Therapie von malignen Tumoren zur Verbesserung der Lebensqualität.

Bis auf diese Ausnahmen sind rezeptfreie Phytopharmaka nur in Selbstmedikation ohne Verordnung zu erwerben, oder auf Privatrezept oder Grünem Rezept.

Verordnung auf Grünem Rezept oder Privatrezept

Das grüne Rezept ist eine Art nachdrückliche Empfehlung und eine Merkhilfe für den Patienten. Der Arzt macht mit dem grünen Rezept klar, dass er die Einnahme des ausgewählten Arzneimittels für nützlich und wichtig hält. Der Patient übernimmt wie beim Privatrezept die Kosten der Arznei, es entfällt die Rezeptgebühr.
Seit dem Versorgungsstrukturgesetz (VStG) vom Jahr 2012 dürfen gesetzliche Krankenkassen aber in einem bestimmten Umfang ihre regulären Satzungsleistungen um bisher nicht erstattungsfähige Leistungen erweitern, und  auch rezeptfreie Medikamente erstatten.

Die Kosten der selbstbezahlten, vom Arzt verordneten pflanzlichen Medikamente gehören – wie andere Ausgaben für die Gesundheit – zu den außergewöhnlichen Belastungen und können steuerlich geltend  gemacht  werden.

  • Es kann sich lohnen, bei der Krankenkasse wegen Erstattung von Phytopharmaka nachzufragen.

Phytotherapie Übersicht:
Die TOP 30 der Heilpflanzen
und ihrer Verwendung

Heilpflanze (Botanische Bezeichnung) Innerliche Anwendung Äußerliche Anwendung
Baldrianwurzel (Valerianae radix) Nervöse Unruhe, Einschlafstörungen
Efeublätter (Hederae helicis folium) Verschleimung, Husten, leichte Atemwegskrämpfe, chronische Bronchitis
Bärentraubenblätter (Uvae ursi folium) Entzündliche Erkrankungen der ableitenden Harnwege, Zystitis
Beinwellwurzel (Symphiti radix) Prellung, Zerrung, Quetschung, Stauchung
Eibischblätter/wurzel (Althaeae folium/radix) Reizhusten;

Magenschleimhautentzündung

Schleimhautreizung in Mund und Rachen
Eukalyptusblätter (Eucalypti folium) Erkältungskrankheiten rheumatische Beschwerden
Fenchelfrüchte (Foeniculi fructus) Verdauungsbeschwerden mit Krämpfen, Blähungen; Katarrhe der Luftwege
Ginkgoblätter (Ginkgo biloba folium) Arterielle Durchblutungsstörungen v.a. von Gehirn, Beinen; Gedächtnisschwäche, Konzentrationsschwäche, Demenz, Tinnitus, Schwindel; Claudicatio intermittens (Schaufensterkrankheit)
Hamamelisblätter / -rinde (Hamamelidis folium/cortex) leichte Haut­

verletzungen, lokale Entzündungen von

Haut und Schleimhäuten

Hopfenzapfen (Lupuli strobulus) Unruhe, Angst, Schlafstörungen
Isländisches Moos (Lichen islandicus) Appetitlosigkeit; Reizhusten Schleimhautreizung im

Mund- und Rachenraum

Kamillenblüten (Matricariae flos) Reizungen und Entzündungen der Magenschleimhaut, Krampfzustände der Verdauungsorgane Hautentzündungen, Schleimhautentzündungen in Mund u. Rachen, Zahnfleisch etc.
Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides) Akute Bronchitis mit Husten und Verschleimung
Knoblauchzwiebel (Allii sativi bulbus) Erhöhte Blutfette, altersbedingte (atherosklerotische) Gefäßveränderungen
Kürbissamen (Cucurbitae peponis semen) Miktionsbeschwerden bei leichter Prostatahyperplasie, Reizblase
Lavendelblüten (Lavandulae flos) Einschlafstörungen.

Unruhe; funktionelle Oberbauch­

beschwerden (Reizmagen, Blähbauch)

Beruhigung (Badezusatz)
Leinsamen (Lini semen) Verstopfung, Schleimhautentzündung in Magen und Darm
Pfefferminzblätter (Menthae piperitae folium) Tee: krampfartige

Beschwerden von Magen, Darm und Gallenwegen; Pfefferminzöl

zusätzlich: Katarrhe der Atemwege.

Mundschleimhautentzündung

Ringelblumenblüten (Calendulae f1os) Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut; Wunden, auch verschmutzte und schlecht heilende; Brandwunden
Rosskastaniensamen (Hippocastani semen) Venenleiden mit Schweregefühl in Beinen, Beinschwellungen, Krämpfen, Krampfaden
Salbeiblätter (Salviae folium) Schleimhautentzündungen im Mund-, Rachenraum Vermehrtes Schwitzen
Schlüsselblumenblüten (Primulae flos) Zur Schleimlösung und Reizlinderung

bei Katarrhen der Atemwege mit Schnupfen und Husten

Sonnenhutkraut (Echinaceae herba) Unterstützende Behandlung wiederkehrender Infekte Oberflächliche Wunden
Spitzwegerichkraut (Plantaginis Ianceolatae herba) Katarrhe der Atemwege,

Entzündungen der Mund- und Rachen­

Schleimhaut

Tausendgülden­kraut (Centaurii herba) Appetitmangel,

Verdauungsbeschwerden

Teufelskralle (Harpagophyti radix) Verdauungsbeschwerden, rheumatische Schmerzen und Entzündungen
Thymiankraut (Thymi herba) Katarrhe der oberen

Atemwege mit Husten, Verschleimung, Bronchialentzündung

Uzarawurzel (Uzarae radix) Unspezifischer akuter Durchfall
Weidenrinde (Salicis cortex) Schmerzen, Fieber, rheumatische Beschwerden
Weißdorn Leichte Herzinsuffizienz (Stadium I-II), Altersherz

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